Christo und der Lago d’Iseo

Den neuen Kunst Event von Christo am Lago d’Iseo „Floating Piers“ wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.
Nachdem ich bereits die 1995 inszenierte Verhüllung des Reichstages in Berlin bestaunen konnte, war klar dass ich auch hier unbedingt dabei sein müsste…
Hotel war schnell gebucht, zum Glück noch vor dem einsetzenden Run der die Preise ganz schnell in astronomische Höhen trieb und zwar in Nembro, einem winzigen Örtchen nördlich von Bergamo.
Die Fahrt hatte ich kurzfristig via BlaBlaCar annonciert. Darauf meldete sich ein Student der Politikwissenschaft, der auch just aus dem gleichen Anlass los wollte. Das versprach dann auch noch eine interessante Fahrt zu werden. Dies war es dann auch, sehr kurzweilig und mit spannenden Einsichten in die weltweite Politikkultur und – dank der Musiksammlungen auf unseres Smartphones – hochinteressante Erfahrungen auf dem Gebiet der Musikstile.
Kurz nach dem Brenner dann der erste Espresso in einer Autobahnkneipe – einfach immer wieder spitze und die perfekte Einstimmung auf jegliche Fahrt nach Bella Italia!!
Am späten Abend lieferte ich den Studenten in seiner Pension ab. Noch etwas später landete ich dann auch in meiner und war restlos begeistert – von oben herab ein herrlicher Ausblick auf das nächtliche, erleuchtete Bergamo ein tolles Zimmer und – obwohl das hoteleigene Restaurant schon geschlossen hatte – richtete mir der Besitzer eine Antipasti- Platte die locker für zwei gereicht hätte und auch noch herrlich schmeckte. Dazu noch ein perfekt gekühlter Weißwein, eine laue Sommernacht, italienisches Geplauder um mich herum – ein perfekter Einstieg!

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Nach dem Frühstück am nächsten Morgen erfuhr ich von meinem Mitfahrer, dass er sich bereits mit dem Bus zu einem der Einstiegspunkte auf der Südseite des Sees aufgemacht hätte und seit rund zwei Stunden in sengender Sonne auf einen Platz auf der Fähre warten würde. Daraufhin entschied ich mich – clever wie ich dachte – wenn sich alle im Süden tummeln, doch einen Anlauf von Norden her zu unternehmen.
Gesagt getan, ich fuhr also durch die wildromantische Voralpenlandschaft nach Lovere um mich von dort „Christo’s Floating Piers zu nähern“.
Aber ich war natürlich nicht der Einzige mit dieser cleveren Idee. Auch dort waren hunderte unterwegs um sich einen Platz auf der Fähre zu sichern…
Was also tun? Auch 2-3 Stunden auf einen eventuellen Fährplatz warten oder doch einfach ersteinmal nur Bellla Italia genießen…. Ich entschied mich für letzteres, kaufte mir ein leckeres Eis, fuhr in einen etwas ruhigeren Ort am See und schlenderte dort durch die Gassen bis ich eine kleine Weinbar mit Osteria direkt am See fand. Die Weinkarte allein versprach schon einen faszinierenden „Alternativ“-Nachmittag und ich hatte ja ein langes Wochenende mit viel Zeit vor mir….

Für den nächsten Morgen hatte ich mir eine neue “ Strategie“ vorgenommen: Früh um 6 Uhr aufstehen, einen Espresso unterwegs und direkt nach Sulzano von wo ein Einstieg direkt auf die „Floating Piers“ möglich war. An der Autobahnabfahrt angekommen hatte die Policia Stradale diese schon lange weitläufig abgesperrt und leitete alle Autofahrer auf eigens eingerichtete Parkplätze in der näheren Umgebung um. Auch hier waren bereits zu dieser frühen Stunde regelrechte Menschenmassen unterwegs. Angereist per Auto, Bahn und etlichen Bussen sowie nicht wenige auch per Fahrrad!
Vom Parkplatz aus bis nach Sulzano waren es noch lt. Navi noch ca. 6-8 km bis zu den „Floating Piers“ – kein Problem dachte ich….
Auto geparkt, meine Fotoausrüstung geschultert los gehts! Schon nach den ersten paar hundert Metern schwoll der Strom von Christo-Pilgern immer mehr an, so dass der Fußweg nur in Kolonne zu bewältigen war, daneben fuhren immer wieder vollgepackt Shuttlebusse in Richtung Sulzano an mir vorbei… mir schwante nichts Gutes…..
Wohlgemerkt es war ca. 7:00 morgens….
Nach etlichen km, der Pulk hatte sich nun etwas auseinandergezogen, wurde die Route von der direkten Strecke auf einen kleinen Fußpfad umgeleitet, der sich rund 100m oberhalb des Sees um diesen herumzieht. Zuerst wurden viele Stimmen laut die sich darüber monierte und auch ich fand diese Umleitung total unverständlich. Aber da die direkte Verbindung ja gesperrt war, blieb keine Alternative – also den Anstieg in Angriff genommen und nach einiger Zeit zeigte sich das dies nicht nur eine sinnlose Quälerei der Besucher sein sollte. Es zeigte sich an diversen Stellen ein erster, faszinierender Blick auf die ganze Ausdehnung des Kunstwerkes: Vom Einstieg in Sulzano zog sich eine Brücke zu dem kleinen Örtchen Maraglio auf der Monte Isola und von dort verzweigten sich zwei weitere „Pontonbrücken“ zu einem noch winzigeren, nur mit einer kleinen Villa besbauten Inselchen. Das Ganze in einem hellen Orange schimmernd mit einem faszinierenden Kontrast zum graublauen Wasser des Sees. Und darauf bereits weitere tausende Besucher, die wohl noch früher an diesem Tag aufgebrochen sein mussten!

Alles in allem waren es herrliche Tage mit wunderbaren Ausblicken auf ein einmaliges und herrliches Kunstwerk welches sich in die Natur einfügte und doch auf einzigartige Weise auch wieder davon abhob. Jeder der dabei sein konnte wird dies sicher als ein wunderschönes Erlebnis in Erinnerung behalten….

Noch im Nachgang für Christo Begeisterte: es gibt einen Newsletter mit Updates zu seinen aktuellen Projekten unter http://www.christojeanneclaude.net.